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Zirkuläres Bauen braucht «Staff, Stuff, Site – und Geld»

Datum
2. Juli 2026

«Zirkuläres Bauen braucht «Staff, Stuff, Site – und Geld»

Bauteilbörsen entstehen nicht aus ideellen Überzeugungen allein. Sie brauchen politischen Willen, geeignete Flächen, spezialisiertes Personal und funktionierende Märkte – und all das muss gleichzeitig stimmen. Um die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren, fand Anfang Juni in Belgien ein PREUSE Symposium statt. ZirkuLIE-Praktikant Stanislao Satta war vor Ort und gewann spannende Einblicke.

Vom 4. bis 5. Juni 2026 fand in Mechelen und Brüssel das internationale PREUSE-Symposium statt – eine zweitägige Fachveranstaltung zum Thema öffentlich unterstützte Bauteilbörsen. PREUSE (Public Responses to Enable the Use of Salvaged Building Elements) ist ein Interreg-Projekt Nordwesteuropa mit neun Partnern aus Belgien, Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden, Teilnehmenden aus 18 Ländern.

Warum dieser Austausch zählt

Eine Veranstaltung wie das PREUSE-Symposium leistet einen wichtigen Beitrag: Sie bringt Fachleute zusammen, die sich mit denselben Fragen des zirkulären Bauens beschäftigen, an ähnlichen Herausforderungen arbeiten und bereit sind, ihre Erfahrungen offen zu teilen. Nur im direkten Austausch erfährt man, was in anderen Regionen tatsächlich funktioniert – und was nicht. Für ZirkuLIE bedeutet das Zugang zu einem internationalen Wissenspool, der über Jahre aufgebaut wurde, und die Möglichkeit, die eigene Arbeit in einen grösseren europäischen Kontext einzubetten.

Was andere schon wissen

Michaël Ghyoot von Rotor hat nach dem Besuch von über 20 Bauteilbörsen in Frankreich, Belgien und Portugal eine klare Formel entwickelt: Staff, Stuff, Site – und Geld. Hinter jeder dieser vier Kategorien verbergen sich Entscheidungen, die über Erfolg und Scheitern bestimmen. Das Fallbeispiel Roubaix in Frankreich zeigt, wie konsequent diese Fragen beantwortet werden müssen: PReSVR als Bauteilbörse hat sich auf wenige, industriell aufbereitbare Materialien – Sanitärteile und Ziegel – spezialisiert und arbeitet mit konventionellen Baustoffhändlern zusammen.

Sarah De Boeck (IDEA Consult / VUB), Expertin für Kreislaufwirtschaft aus Belgien, machte deutlich, dass ohne klare politische Rahmenbedingungen die Wiederverwendung von Bauteilen ein Nischenphänomen bleibt. Öffentliche Liegenschaften, öffentliche Aufträge und öffentliche Beschaffung sind Hebel, die der Staat in der Hand hat. Wenn beim selektiven Rückbau eines Gebäudes die Frage gestellt wird, was mit den Materialien passiert, ist das kein bürokratischer Akt – sondern ein Signal an Planende, Bauherrschaften und den Markt.

Finn Williams, Stadtarchitekt von Malmö, brachte es auf den Punkt: Solange Architekturleistung daran gemessen wird, wie viel gebaut wird und nicht wofür, wird die Baubranche schwer nachhaltiger. Malmö zeigt, dass die öffentliche Hand die Führung übernehmen muss – mit heute über 26'500 m² Lagerfläche, die ausschliesslich für wiederverwendete Materialien genutzt wird, als konkretem Beleg.

Was das für ZirkuLIE und Liechtenstein bedeutet

Das Zentrum für Zirkuläres Bauen in Triesen wird keine Mengen bewegen wie Roubaix und keinen städtischen Materialhaushalt wie Malmö aufbauen. Aber das ist nicht der Massstab im regionalen Kontext. Was Liechtenstein von den Vorreitern lernen kann, ist die Ansätze zu übernehmen: Fokus statt Vollständigkeit, öffentliche Nachfrage als Markthebel, Lagerfläche als strategische Ressource. Und die Erkenntnis, dass auch Malmö mit jahrzehntelanger Erfahrung sagt, man stehe erst am Anfang. Liechtenstein hat dabei einen entscheidenden Vorteil: kurze Wege, bekannte Akteur:innen und eine Grösse, die es erlaubt, Dinge verbindlich anzupacken – statt sich in Abstimmungsprozessen zu verlieren.

Ein Netzwerk als Ressource

Das Wertvollste aus Mechelen und Brüssel ist der direkte Austausch. Materialnomaden aus Wien mit einem Depot in Dornbirn. BAUKREISEL aus Deutschland. TRA – Toussaint Robiglio Architects aus dem Aostatal, die gerade eine der grössten neuen Bauteilbörsen Norditaliens aufbauen. Und Superuse Studios aus Rotterdam, die die nächste Circular Exchange Conferene (CxC) im Oktober 2026 in Rotterdam veranstalten.

Internationale Netzwerke leben von Präsenz, Offenheit und dem Willen, Wissen zu teilen. Wer sich einbringt, muss das Rad nicht neu erfinden, sondern kann auf bewährte Erfahrungen aufbauen und gleichzeitig zeigen, welche Lösungen bereits in Liechtenstein entstehen. Genau dieses Wissen zu vernetzen und weiterzutragen, ist der Auftrag, den ZirkuLIE aus Belgien mitgenommen hat.

Stanislao Satta absolvierte im Mai und Juni 2026 sein Praktikum im Zentrum für Zirkuläres Bauen von ZirkuLIE. Der gebürtige Italiener studierte Architektur im Doppelmaster zwischen Ferrara und dem BCIT in Kanada und vertieft sich derzeit im Bereich Environmental Humanities, um Lebensräume ganzheitlich zu denken. In den zwei Monaten seines Praktikums sammelte er auf den Baustellen viel handwerkliche Erfahrung und gewann wertvolle Einblicke in Bauprozesse und Abläufe des zirkulären Bauens. Neben dem Studium engagiert er sich im internationalen Workshop-Netzwerk EASA. Nach seinem Praktikum bei ZirkuLIE macht er sich per Velo von Liechtenstein nach Mailand auf und bereitet sich auf ein Doktoratsstudium vor.

Mehr Infos:  PREUSE Symposium

Fotocredit (c) Fotoslides Andrea Kessler