"Wir wollen einen Denkanstoss geben" Interview mit Luis Hilti
- Datum
- 23. Februar 2026

Architekt Luis Hilti ist auch Experte für Städtebau und Raumentwicklung. In seinem Büro in Schaan steht zudem auch der Forschungsaspekt im Fokus: Biodiversität, Nachhaltigkeit und zukunftsträchtige Bauweisen spielen eine entscheidende Rolle. In Zusammenarbeit mit ZirkuLIE kuratiert er derzeit eine Ausstellung, die sich mit Zirkularität im Leben und Bauen auseinandersetzt.
Herr Hilti, wie ist die Ausstellung «Wie zirkulär lebst du?» entstanden?
Ich habe schon öfter mit der Stiftung Lebenswertes Liechtenstein und insbesondere mit dem Projekt ZirkuLIE zusammengearbeitet. Vor rund zwei Jahren haben wir uns in einer Arbeitsgruppe mit dem Thema Zirkularität in der Praxis auseinandergesetzt und schnell gemerkt, dass Theorie und Praxis teilweise weit auseinanderdriften. In der Praxis herrschen andere Bedingungen und Voraussetzungen, die Frage nach sinnvollen Entscheidungen spielt eine wesentliche Rolle. Wir haben viel ausprobiert und sind zum Schluss gekommen: Es darf nicht nur einen Ansatz für Zirkularität geben, jede Situation muss individuell betrachtet werden. Daraus ist die Idee entstanden, mithilfe einer Ausstellung unterschiedliche Bereiche des Lebens und Bauens in Hinblick auf Zirkularität zu beleuchten.
Was ist in dieser Ausstellung zu sehen?
Zuerst einmal ist es keine klassische Ausstellung. Die Besucher sind nicht nur passiv, sondern werden durch die acht Stationen geführt und können sich aktiv beteiligen. Sie können sich selbst testen und sich Gedanken über die eigene Situation machen. Anhand von Informationen zeigen wir den Besuchenden auf, wie zirkulär und nachhaltig ihre Situation ist und was theoretisch verbessert werden könnte. Im Fokus stehen Fragen, mit denen Entscheidungen bewusst im Bau- und Planungsprozess getroffen werden können, und das wollen wir veranschaulichen.
Mit welchen Themen befassen sich die acht Stationen konkret?
Es geht um Einblicke entlang des Bauens: in den Einsatz von Ressourcen, die Wahl der passenden Wohnfläche, die unterschiedlichen Formen von Gebäuden, den Materialeinsatz, die Lieferketten und -wege, die Effizienz, die Anpassungsfähigkeit bis hin zum Rückbau. All diese Punkte werden anschaulich und praxisnah erläutert und mit Fakten unterstrichen. Die Besuchenden können sich selbst spielerisch überprüfen und einordnen.
Können Sie eine Frage exemplarisch etwas genauer vorstellen?
Eine Frage befasst sich mit der Wohnfläche. Im Grunde ist es ja so: Wer Platz spart, spart den Material- und Energieverbrauch. Gleichzeitig wird die Biodiversität gefördert und die Mobilität erleichtert. Wir wollen von den Besuchern wissen, wie viel Wohnfläche sie aktuell nutzen und was sie für angemessen erachten. Die Vorstellungen können dabei natürlich auseinandergehen. Anhand von konkreten Zahlen zeigen wir dann die Ist-Situation in verschiedenen Ländern auf der Welt auf. Eine besonders hohe Wohnnutzungsfläche haben aktuell Menschen in den USA, eine Person hat dort im Schnitt 75m² zur Verfügung. Liechtenstein liegt laut Statistik bei rund 55m² pro Person, die Schweiz bei 47m², China bei 30m² und Nigeria bei 6m². Klar, das sind statistische Werte, die durch die regionale Baukultur beeinflusst sind. So gibt es in Liechtenstein beispielsweise relativ viele ältere Personen, die allein oder zu zweit ein Einfamilienhaus bewohnen und so den Schnitt nach oben treiben. Aber die Selbsteinschätzung gibt verbunden mit den realen Zahlen den Besuchenden ein Gefühl dafür, wie wir in der heutigen Zeit leben.
An wen richtet sich die Ausstellung? Kann sie jeder selbst entdecken und sich den Fragen stellen?
Die Fragen sind verständlich und praxisnah formuliert, sodass nicht nur Menschen vom Fach, sondern vor allem alle Interessierten sie für sich beantworten können. Wir wollen auch Schülerinnen und Schüler ansprechen, um ihnen früh erste Einblicke in das Themenfeld zu geben. Gleichzeitig behandeln die Fragen tiefgreifende Themen, ein Austausch unter den Besuchern ist gewünscht und im Idealfall werden sie von einem Mitarbeitenden von ZirkuLIE durch die Stationen geführt – so ist der Lern- und Aha-Effekt besonders gross.
Zudem gibt es zum Schluss des Rundgangs noch die Möglichkeit, sich selbst anhand eines Netzdiagramms einzuschätzen und das Ergebnis anonym abzugeben. Diese Daten geben uns einen Anhaltspunkt, wie das Thema in der Bevölkerung aufgenommen wird und und welche Aspekte dabei besonders Resonanz finden.
Was wünschen Sie sich, was sollen die Besucher vom Rundgang mitnehmen?
Die Ausstellung soll vor allem ein Denkanstoss sein und eine Möglichkeit, dass sich jeder und jede mit diesem Thema auseinandersetzen kann. Zirkuläres Bauen hat viele Dimensionen und ist komplex. Mit dieser Ausstellung möchten wir einen Einstieg und eine Orientierung bieten, damit sich Menschen besser im Thema zurechtfinden. Wenn sie mit einem positiven Gefühl und mit einem neuen Blickwinkel die Ausstellung verlassen, dann ist das wunderbar.
INTERVIEW: ANDREAS LATERNSER
BILDER: NILS VOLLMAR & JULIAN KONRAD
Ausstellung «Wie zirkulär lebst du?»
Seit dem 15. Januar bis Ende Herbst 2026
ZirkuLIE Zentrum für Zirkuläres Bauen Dröschistrasse 15 (Swarovski-Areal) 9495 Triesen
Besuch während der Öffnungszeiten (Mittwoch 13 bis 17.30 Uhr, Samstag 9 bis 13 Uhr), für grössere Gruppen nach Anmeldung unter info@zirkulie.net