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"Mehr Mut zur Transformation" Interview mit Dr. Christine Lemaitre

Datum
22. Januar 2026

Die Wende in Richtung zirkuläres Bauen ist ein wesentlicher Schlüssel für Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung. Dr. Christine Lemaitre kennt als geschäftsführender Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), Europas diesbezüglich grösstes Netzwerk, die Herausforderungen und Chancen auf dem Weg dorthin. Im folgenden Interview erzählt sie davon.

Frau Dr. Lemaitre, Sie hielten bei der von ZirkuLIE gemeinsam mit dem Liechtensteinischen Bankenverband sowie Swiss Sustainable Finance organisierten Veranstaltung „Finance meets Real Estate“ die Keynote. Wie hat Ihnen dieses Event gefallen?

Sehr gut. Wir sollten eindeutig öfter Veranstaltungen dieser Art haben. Nur im direkten Austausch erfährt man mehr über die Blickwinkel der verschiedenen Branchen in Bezug auf zirkuläres Bauen. Das Thema hat ja nicht für alle Akteur:innen den gleichen Stellenwert. Mit solchen interdisziplinären Dialogveranstaltungen, die allen Meinungen und Ansichten den nötigen Raum geben, kann man einiges zum besseren gegenseitigen Verständnis beitragen.

 

Sie sind in Sachen nachhaltiges und zirkuläres Bauen schon seit vielen Jahren, genauer gesagt seit 2009 für die DGNB, tätig. Welche Entwicklung haben Sie in diesem Zeitraum feststellen können?

Als wir anfingen, war das Thema noch ganz neu und exotisch. Danach hat es an Bedeutung stetig gewonnen. Mit und nach Corona gab es dann sogar einen regelrechten Hype um das Klimathema. Dadurch rückte auch das zirkuläre Bauen mehr in den Fokus, weil man natürlich erkannte, welche Unmengen CO2 allein schon die Herstellung von Baumaterial verursacht.

Aktuell wird aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage leider von nicht wenigen versucht, das Erreichte wieder komplett zurückzudrehen. Dabei geht viel verloren, was wir allein an Wertschätzung und Verständnis für das Thema bereits erreicht haben. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt also, dass wir keine kurzfristigen Hypes brauchen, sondern an einer kontinuierlichen Weiterentwicklung dranbleiben müssen.

 

Abgesehen von diesen schwierigen Auf und Abs: Wo liegen die sonstigen Herausforderungen?

Was ich derzeit kritisch sehe, ist die Tendenz, dass wir häufig nur einzelne Nachhaltigkeitsthemen herauspicken und überhöhen. Gerade Nachhaltigkeit zeichnet sich durch ihre Ganzheitlichkeit aus und das Abwägen von Zielkonflikten. An dieser ganzheitlichen Sichtweise haben wir als DGNB die letzten Jahre auch intensiv gearbeitet. Daher schmerzt es umso mehr, wenn jetzt einzelne Themenfelder verstärkt singulär und voneinander getrennt behandelt werden. Wir müssen definitiv ein Auge darauf haben, dass diese Entwicklung nicht so weitergeht.

 

Welche Rolle sollte die Finanzwelt in der angestrebten Bauwende spielen?

Wir werden die Transformation nur schaffen, wenn sich auch die Banken diesbezüglich klar positionieren und es zu ihrem Thema machen. Deshalb haben wir in der DGNB die Initiative „Sustainable Finance im Bauen“ mit mehreren Finanzinstituten gestartet. Banken standen bisher gefühlt immer etwas am Spielfeldrand mit der Haltung: Was sollen wir denn da gross machen? Wir geben unseren Kund:innen letztlich ja nur das Geld.

Durch die EU-Taxonomie in Richtung Umweltziele sowie die Berichtspflicht sind die Banken aber nun auf das Spielfeld geschoben worden. Das ist eine Riesenchance und da helfen gerade Veranstaltungen wie jene in Triesen, für mehr gegenseitiges Verständnis zu sorgen und Banken zu ermuntern, sich klar zu positionieren. Letztlich ist die Wirtschaftlichkeit im nachhaltigen und zirkulären Bau eine ganz zentrale Frage, die heiss diskutiert wird.

 

Wie sollte die Politik eingebunden werden, damit die Bauwende hin zu mehr Nachhaltigkeit schneller und effizienter passiert?

Wir müssen die Politik und deren Vertreter:innen stärker auf den Boden der Realität holen. Von Deutschland weiss ich einfach, dass sich die Politik vor allem mit Verbänden bespricht und austauscht. Ein Verband ist allerdings nicht immer ein aktuelles Spiegelbild von Innovation und Willen, die etwa von Unternehmerseite ausgehen oder bereits vorhanden sind. Ein grosser Teil des Marktes hat durchaus Lust auf das Thema oder beweist bereits, was man alles kann oder zumindest könnte. Über die reine Verbandsschwelle bekommt man meiner Meinung nach nicht immer diese wichtigen Einblicke. Wir brauchen daher auch auf politischer Ebene den direkten Dialog und interdisziplinären Austausch. So bringt man Politiker am besten dazu, aus dem eigenen Silodenken herauszukommen.

 

Trauen Sie Liechtenstein zu, in Sachen Bauwende ein Vorreiter oder eine Modellregion zu werden?

Auf jeden Fall. Es gibt hier die kurzen Wege, man kennt einander und die verschiedenen Akteur:innen sind über die verschiedenen Hierarchie-Ebenen hinweg für das Thema gut ansprechbar. Allein diese Rahmenbedingungen sind einfach tolle Voraussetzungen.

In Deutschland beispielsweise ist es schon schwer, in den einzelnen Bundesländern an die richtigen Leute heranzukommen. Da gibt es häufig sogar Konkurrenzsituationen zwischen den Bundesländern und jeder kocht irgendwie seine eigene Suppe. Was ich in Liechtenstein gesehen und erlebt habe, läuft das hier anders: Da gibt es ein spürbares Wir-Gefühl. Und weil eine Transformation nicht nur in Studien beschrieben werden kann, sondern unbedingt im realen Leben stattfinden muss, ist Liechtenstein auch der ideale Boden, Projekte zum Anfassen umzusetzen. Liechtenstein liegt ja mitten in Europa und von hier aus hätte das auch eine unglaubliche Strahlkraft auf die umliegenden Länder.

 

Kommen wir von der staatlichen Ebene zurück auf die Ebene der einzelnen Akteur:innen. In welchen Branchen sehen Sie neben den Banken noch viel Entwicklungspotenzial in Sachen nachhaltiges und zirkuläres Bauen?

Ich denke da konkret an die Hersteller:innen von Bauprodukten. Obwohl in diesem Bereich schon einiges passiert, wirkt vieles noch sehr linear und auf den Neubau ausgerichtet. Mutige und deutliche Akzente hin zu innovativen zirkulären Geschäftsmodellen und Produkten würden die Transformation mit Sicherheit befeuern.

 

Wie weit sind diesbezüglich Verantwortliche im Planungsbereich oder Architekt:innen?

Das ist definitiv eine herausfordernde Zielgruppe, weil diese einfach sehr individuell geprägt ist. Heikel finde ich, dass moderne Architektur häufig noch mit den seit Jahrzehnten unveränderten Glas-, Stahl- und Betongebäuden gleichgesetzt wird. Obwohl wir wissen, dass wir mit diesen Bauweisen eigentlich gescheitert sind.

Gerade bei Bauplanungen werden – wie schon erwähnt – häufig nur einzelne Nachhaltigkeitsthemen berücksichtigt, statt sich mutig Grundsatzfragen zu stellen. Manche Architekt:innen tun sich da in meinen Augen richtig schwer oder sind damit regelrecht überfordert.

 

Wie kann man hier in der Ausbildung, etwa an Universitäten oder Hochschulen, gegensteuern?

Da habe ich offen gestanden keinen aktuellen Überblick. Ich weiss allerdings, dass es diesbezüglich durchaus innovative Ansätze und Studienmodule gibt, teilweise auch, weil diese von Student:innen-Seite aktiv eingefordert worden sind.

Ein konkretes Problem in der Ausbildung sehe ich allerdings in der Zersplitterung oder Spezialisierung in einzelne Fachgebiete. Wir bräuchten da wieder mehr den universell gebildeten Menschen. In der Art, wie es die früheren Baumeister waren.

 

Wie schon von Ihnen erwähnt, ist die aktuelle Wirtschaftslage speziell in Europa derzeit nicht rosig. Wie kann es dennoch gelingen, dass dadurch die Transformation im Bauwesen nicht zu stark gebremst wird?

Derzeit ist man tatsächlich vielerorts der Meinung, dass Klimaschutz und Nachhaltigkeit verzichtbar oder lediglich teuer seien. Gerade in dieser Stimmungslage haben aus meiner Sicht noch zu wenige Unternehmen erkannt, welches wirtschaftliche Potenzial in der Transformation des Bauwesens liegt. Zumindest in Deutschland findet das gerade eindeutig zu wenig statt, es herrscht eher die lähmende Angst vor dem Ungewissen und vor der Veränderung.

 

Dennoch: Wie hoffnungsfroh und zuversichtlich schauen Sie in die Zukunft, dass die Bauwende gelingt?

Man spürt natürlich schon, dass sich in den Köpfen etwas geändert hat. Allein jene Diskussionen, die wir heute über zeitgemässe Architektur führen, hätten vor zehn Jahren sicher noch nicht stattgefunden. Aber natürlich wünscht man sich, dass aus den Bemühungen im Transformationsprozess absehbar echte Trends und Selbstläufer werden. Also jener Punkt erreicht wird, nach dem Dinge von ganz allein ins Rollen kommen. Ich bin diesbezüglich nach wie vor guter Dinge und voll motiviert.

Zur Person

Dr. Christine Lemaitre studierte Bauingenieurwesen an der Universität Stuttgart. Seit 2009 arbeitet sie für die DGNB, seit 2010 als geschäftsführender Vorstand. Zudem ist Frau Dr. Lemaitre seit 2016 Mitglied des Vorstands des World Green Building Council (WGBC) tätig sowie unter anderem auch noch Mitglied im Beirat für Baukultur des Landes Baden-Württemberg, dem Nachhaltigkeitsrat des ZIA (Zentraler Immobilien Ausschuss e.V.) sowie im Board of Directors des Cradle to Cradle Product Innovation Institute. Dr. Christine Lemaitre lebt in Stuttgart und ist Mutter von drei Söhnen.

www.dgnb.de